WENN DIE HALLIG NACH SÜDEN WANDERT

INTERVIEW Hin da! Zu den Halligen regelmäßig unterwegs ist Kapitän Marko Böhme von der Sylter Adler-Reederei. Ein Gespräch über Untiefen, Linksabbiegen, Zuspätkommer, An- und Ablegen sowie nordfriesische Verbindlichkeiten.

Halligbote: Was muss ein Kapitän mitbringen, der im Watt unterwegs ist? Marko Böhme: Hier musst du reaktionsschnell sein, flexibel, routiniert und wachsam. Kein Törn ist wie der andere. Untiefen, also die Sandbänke unter Wasser, verlagern sich ständig. GPS und Radar sind das eine. Das Auge, die Erfahrung und den Instinkt des Menschen kann die Technik aber niemals komplett ersetzen. Gerade hier bei uns im nordfriesischen Watt.
Halligbote: Zu Saisonbeginn ist also alles immer wieder neu?
Marko Böhme: Im Frühjahr ist es aufregend, wenn man den persönlichen Seismographen auf den ersten Törns ausfährt und guckt, wie es draußen aussieht nach dem Winter. Wir lesen dann das Wasser. Halligbote: Lesen? Marko Böhme: Ja. Lesen. Genau hingucken. Kräusellinien deuten beispielsweise auf Flachwasser hin.
Halligbote: Unterwegs von Sylt zu den Halligen, ist das täglich das gleiche Ritual oder sind da auch Überraschungen drin für den Kapitän? Marko Böhme: Keine Fahrt ist wie die andere. Natürlich spielen sich in kürzester Zeit Crew und Kapitän so aufeinander ein, dass man sich blind versteht. Aber bei der Seefahrt, auch wenns Ausfl ugsfahrten sind, ist immer mal was drin. Halligbote: Zum Beispiel? Marko Böhme: Manchmal verschwindet in rauer See über Nacht eine der wegweisenden Tonnen. Manchmal gibts ein technisches Problem. Ich weiß von einem Kollegen, dem brach mal der Gashebel ab unterwegs. Kann gar nicht passieren, darf gar nicht passieren, kommt alle 100 Jahre nur einmal vor. Halligbote: Und dann? Marko Böhme: Kein Problem. Improvisieren. Der Mann hat eine Rohrzange am Gewinde festgeknallt und ist weitergefahren. Zwei-Minuten-Sache. Oberstes Gebot ist, die Leute zuverlässig dahin zu bringen, wo sie hinwollen. Der Komfort für den Kapitän spielt keine Rolle, die Sicherheit geht vor.
Halligbote: Was heißt das, wenn das Schiff »auf der Autobahn« unterwegs ist?
Marko Böhme (grinst): Wenn das Schiff mit dem Strom, also zum Beispiel mit dem auf- oder ablaufenden Wasser fährt, wird es ein bisschen schneller. Da haben die Gäste Spaß, wenn man so was durchsagt. Etwas Show soll ja auch dabei sein. Wir erklären auch schon mal, dass wir an der nächsten Kreuzung links abbiegen oder die Leute auf den »Seitenstreifen« achten sollen, wenn viele Seehunde und Kegelrobben auf den Sandbänken vor Amrum liegen.
Halligbote: Die menschliche Komponente der Ausflugsseefahrt?
Marko Böhme: Die ist für den Spaßfaktor zuständig. Die Gäste kommen schon mal auf lustige Gedanken unterwegs. Einer hat mich gefragt, ob Hooge nicht bei jedem Anlegen ein Stück weiter Richtung Süden geschoben wird, also wandert. Eine »Abwechslung« sind auch manchmal die Zuspätkommer. Halligbote: Zuspätkommer? Marko Böhme: Ja, wenn wir von den Halligen oder von Amrum aus wieder ablegen wollen Richtung Sylt und es fehlen noch Gäste. Wir spekulieren ja bei der Anfahrt immer die exakte Abfahrtzeit aus, abgestimmt auf Tide- und Wetterverhältnisse, und sagen diese dann an. Wenn Gäste zu spät wieder an Bord kommen, kann das spannend sein. Halligbote: Aber Sie warten? Marko Böhme: In der Regel ja, auch über die Abfahrtzeit hinaus. Wir zählen immer genau durch, damit wir alle wieder mit nach Hause bringen. Aber einmal hatte ein Pastor die Abfahrt auf Amrum verpasst. Der war auf Nachbarschaftsbesuch von Hörnum aus und hatte sich verquatscht. Ablaufend Wasser und ein Schlechtwettergebiet zog auch noch auf, da sind wir pünktlich los. Halligbote: Hat der Pastor gemeckert? Marko Böhme: Nein, der hat sich einen netten Abend mit dem Kollegen gemacht. Und war voller Verständnis, als wir sagten, sein »Arbeitgeber« hätte uns wettertechnisch einen Strich durch die Rechnung gemacht, sodass wir los mussten.
Halligbote: Wie ist der Kontakt zu den Halligbewohnern?
Marko Böhme: Freundschaftlich, sehr nett, immer hilfsbereit auf beiden Seiten. Wenn es passt, nehmen wir auch schon mal was mit, was drüben gebraucht wird. Vom Hufschmied bis zum Großpaket. Wir sagen den Halligleuten von unterwegs aus an, wie viele Gäste wir dabei haben, damit sie sich drauf einstellen können. Sie geben uns Tipps für unsere Gäste durch. Hier draußen hält man eben einfach zusammen.
Halligbote: Ein Tipp, wie sich Landratten merken können, was Steuerbord und Backbord heißen?
Marko Böhme: Ganz einfach. In dem Wort Steuerbord ist ein R mehr drin, das steht für rechts. Backbord ist links. Halligbote: Und die Farben? Marko Böhme: Manche merken es sich so: Wenn der Rechtshänder dir eine scheuert, landet die auf der linken Backe und die wird rot. Also Backbord – rote Tonnen.
Halligbote: Stichwort Einparken. Gar nicht so leicht, so ein Schiff zu manövrieren, oder?
Marko Böhme: Jeder von uns hat so sein Lieblingsschiff. Ich mag die urige Adler IV, andere stehen auf die futuristische, schnelle Adler-Express. Kleiner Einpark-Tipp für Anfänger: Das Schiff legt in der Regel gegen den Strom an, ist dann viel leichter zu stabilisieren. Halligbote: Und wann machen die Törns am meisten Spaß? Marko Böhme: Den meisten Gästen bei Windstille und ohne Seegang mit vielen Seehunden, Kegelrobben, Sonne und Schweinswalen unterwegs. Manches Crewmitglied mag Schlechtwetter mit ordentlich Bewegung im Wasser. Herrlich. Das ist Seefahrt. Kommt aber selten vor, wir suchen die ruhigsten Wege, die Sicherheit steht da stets im Vordergrund. Alles andere ist dagegen manchmal wie Bus fahren, aber immer romantisch. So oder so, am meisten Spaß macht es, wenn es unseren Gästen gefällt.