VOLLTREFFER MITTEN IM WATT: ALLE NEUNE
HALLIGENÜBERSICHT Sie sind ein attraktiver Club ganz unterschiedlicher Charaktere, eine Ansammlung von Individualisten, die Halligen vor Nordfrieslands Küste. Die eine auffällig und charmant, die andere etwas für den zweiten Blick, manche einzelgängerisch, andere mit großer Anhängerschar, die eine eher scheu, die andere lieblich, die eine winzig, andere vergleichsweise riesig. Wir stellen im Portrait vor: die neun attraktiven Nachbarinnen von Hallig Hooge. Welche die schönste ist und am besten zu Ihnen passt, finden Sie am besten bei einem Rendezvous vor Ort heraus. Vorausgesetzt, die Hallig Ihrer Wahl lässt sich drauf ein. Denn an manche kommt man nur sehr schwer heran. Die Nummerierung ist übrigens garantiert wertungsfrei und soll Ihnen lediglich helfen, den Überblick zu wahren: damit auch Sie bei allen Neunen ganz entspannt Ihren persönlichen Volltreffer landen können.
1 KONZENTRIERT: OLAND
Oland, das bedeutet eine Schule, eine Kirche, ein Gasthaus, ein Gemeindehaus mit Bücherei, ein Leuchtturm, eine Poststelle, ein Friedhof, ein Fernsprecher und ein knapper Quadratkilometer Land. In der Liste fehlen noch der historische Fething, das Regensammelbecken, an dem früher das Vieh getränkt wurde, und der kleine Segelhafen. Schnell ist alles aufgezählt. Es scheint, eine Hallig ähnelt der anderen und doch ist jede einzig. Oland kann zwei Besonderheiten aufweisen, die di anderen nicht haben: einen reetgedeckten Leuchtturm, einzigartig in Europa, und die Dichterin Elfriede Rotermund, die es als Pastorenfrau 1912 hierher verschlug. Sie schrieb zahlreiche Novellen und setzte dem oft harten Halligleben ein Denkmal. Die Hallig (2,8 Kilometer lang und 500 bis 1300 Meter breit) hat nur eine Warft, hier stehen – einem Konzentrat gleich – 17 Häuser, in denen knapp drei Dutzend Menschen wohnen. Nur wenige Kinder, mal zwei, mal drei, besuchen die Zwergschule. Die Kirche ist denkmalgeschützt. 1824 wurde sie erbaut und trotzte seither jeder Sturmflut. Regelmäßig kommt der Pastor von Langeneß herüber und hält hier Gottesdienst. Seit den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ist die Hallig durch einen Lorendamm mit dem Rest der Welt, also mit dem Festland verbunden. Die Gleise führen von Dagebüll aus her und dann weiter nach Langeneß. Die offenen Loren transportieren Einkäufe und Feriengäste, die es jedes Jahr hierher zieht. 60 Betten gibt es für Urlauber. Sie können im Winter die Abgeschiedenheit genießen. Im Sommer gibt es Badespaß, Grillabende und Geselligkeit. Ins Watt wandert man immer, wenn es die Gezeiten und das Wetter erlauben. Ruhe ist zu jeder Jahreszeit garantiert: Denn Autos gibt es hier nämlich keine.
2 MENSCHENLEER: HABEL
Lang dahingestreckt liegt Habel im Meer, die kleinste der Halligen, gerade mal einen halben Quadratkilometer groß, noch im Jahr 1905 war sie dreimal so groß. Bis zu 60 Mal wird Habel im Jahr überflutet. Die letzten Bewohner haben Habel vor rund 90 Jahren verlassen. Heute wechseln sich hier Vogelwarte von März bis Oktober ab. Mal sind es Studenten, mal Zivildienstleistende, mal Menschen, die sich ehrenamtlich für die Halligen einsetzen. Sie passen auf, dass keine Unbefugten Habel betreten. Denn das ist streng verboten: Pflanzen und Tiere sollen ungestört bleiben. Besonders Ringelgänse fühlen sich hier wohl, sie äsen auf den saftigen Salzwiesen, auch die Küstenseeschwalbe lässt sich sehen. Der Verein Jordsand, der für die Betreuung zuständig ist, Habel seit 1983 vom Land Schleswig-Holstein gepachtet hat, berichtet vom Leben und den Aufgaben des Vogelwarts www.jordsand.de. Es ist einsam hier. Das muss man aushalten können. Der Vogelwart passt nicht nur auf, dass niemand ohne Erlaubnis hier auftaucht, er muss auch Hand anlegen. Er kümmert sich darum, dass die Ufer geschützt sind, und entsorgt den Spülsaum, räumt also all das weg, was das Meer so anspült.
3 SCHÖNSTE HALLIG: GRÖDE
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wuchs ein Hallig-Duett nach Dammbau zusammen: Seither gehört Gröde-Appelland zu den drei größten Halligen. Keine 20 Menschen leben hier, was die Hallig zur viertkleinsten Gemeinde der BRD macht. Gröde hat als einzige der »Großen« keine Festlands- verbindung in Form von Dämmen oder Fährschiffen. Aber gerade das macht Grödes besonderen Reiz aus. Hier ist autofreie Zone, auch Shoppingfans haben hier wenig zu suchen. Wer etwas braucht, bestellt beim Kaufmann auf dem Festland. Grödes sozialer Mittelpunkt ist der Kiosk. Hier gibt es Eis und Getränke. Wer Lust auf Gesellschaft hat, trifft sich hier. Unbedingt ansehen auf Gröde: den kleinen Kirchraum mit seinem Renaissance-Altar!
Anreise mit der Adler-Express ab Strucklahnungshörn/Nordstrand, Hafen Hörnum/Sylt und Wittdün/Amrum!
4 MUSEAL: LANGENESS
Langeneß ist mit 10 Quadratkilometern die größte Hallig. Auf 18 Warften leben rund 100 Menschen. Langeneß sticht nicht nur in Sachen Größe und Form (Langeneß = lange Nase) hervor. Sie hat, neben der Einladung, »die Seele baumelnzu lassen«, manche Besonderheit vorzuweisen. So ist es beispielsweise erlaubt, ein Auto mit auf die Hallig zu bringen. Viel gibt es hier zu entdecken: Schutzstation Wattenmeer Leuchtturm, Sportboothafen, drei Museen. Das Kapitän-Tadsen-Museum ist ein original erhaltenes Hallighaus von 1741, wie früher eingerichtet. Auch die Friesenstube auf der Honkenswarf, eines der raren Familienmuseen im Land, zeigt, wie hier das Leben einst war. Im Gertsen-Haus erfährt man vieles über Salzgewinnung und den berühmten Kapitän Boye Petersen. Übrigens: hier kann man auch Heiraten! Anreise mit der Adler-Express ab Hafen Hörnum/Sylt!
5 ECHT HANSEATISCH: HAMBURGER HALLIG
Genau genommen ist die Hamburger Hallig gar keine »echte« Hallig mehr. Schließlich ist sie seit 1860 per Damm mit dem Festland verbunden. Ihren Namen verdankt sie zwei Hamburgern, den Brüdern Amsinck. Sie lebten hier noch vor der Burchardiflut im Jahr 1634, züchteten Schafe, bauten Dämme und errichteten ein Haus. Nachdem die verheerende Flut abgezogen war, blieb einsam auf einer Warft nur noch jenes Haus zurück. Heute ist die Hamburger Hallig einen Quadratkilometer groß. Auf der Hauptwarft gibts den »Hallig Krog«, die Nationalpark-Station mit Wattwerkstatt und Mini-Ausstellung, auf dem Schafberg steht das Claus-Jürgen-Reitmann-Haus, die NABU-Nationalpark-Station.
6 GEADELT: SÜDFALL
Wer Südfall, einen halben Quadratkilometer groß, betrachtet, kann sich kaum vorstellen, dass hier im Mittelalter die Hafenstadt Rungholt lag. Lange galt die Existenz des Städtchens als Legende. Doch in den 20er- und 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts legten die Gezeiten Überreste von Warften und Zisternen frei. Das heutige Format hat Südfall seit der Februarflut im Jahre 1825, als zwölf Familien ihr Leben ließen. Anfang des 20. Jahrhunderts kaufte Gräfin Diana von Reventlow-Criminil Südfall: Sie lebte hier in einem Villenbau aus Holz. Als sie 1953 starb, verkauften die Erben die Hallig an das Land Schleswig-Holstein, Pächte ließen ihre Schafe hier weiden. Die Villa wurde abgerissen, ein schlichteres Hallighaus gebaut. Seit 1957 hat der Verein Jordsand die Betreuung von Südfall übernommen. Die Hallig steht unter Naturschutz. Ein Wasserwart und seine Frau leben hier, in ihrem Haus und den Nebengebäuden sind Vogelschutzstation und Funkstation der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger untergebracht. Hier gelten strenge Regeln: Menschen dürfen Südfall nur betreten, wenn sie sich beim Wasserwart anmelden und führen lassen. Selbst Schafe dürfen hier nun nicht mehr weiden. Auf den Salzwiesen wachsen und gedeihen unzählige Salzpflanzen wie Strand-Grasnelke, Strand-Beifuß, Strandflieder und Strandaster.
7 WARFTFREI: NORDEROOG
Norderoog ist die einzige Hallig in Privatbesitz, gehört dem Verein Jordsand, der sie 1909 für 10.000 Goldmark kaufte. Norderoog ist knapp einen Quadratkilometer groß, für die Vogelwelt von großer Bedeutung. Hier rasten bis zu 50.000 Zugvögel. Auch als Brutplatz ist Noderoog ein beliebtes Ziel. 14 verschiedene Küstenvogelarten kann man hier finden. So brütet auf der Hallig im Frühjahr die Brandseeschwalbe. Gleich mehrere Tausend Paare finden sich ein, wenn es an der
Zeit ist. Zeitweise war Norderoog der beliebteste Brutplatz der Austernfischer. So viele Paare wie hier fand man in der Deutschen Bucht nirgendwo. Wer Norderoog aus der Luft betrachtet, meint eine Art Spinnennetz zu erkennen, das sich um die Hallig webt. Hier haben junge Leute mit viel Mühe Lahnungen ins Watt gearbeitet: Tausende Holzpflöcke, zwischen die Reisig gespannt ist, sollen Sedimente halten, wenn das Wasser ebbt. Jugendliche kommen jeden Sommer aus allen Ländern zum Workcamp her. Auf Norderoog gibt es keine Warft, nur noch zwei Pfahlbauten. Jens Wand, der Vogelwart, der mit Abstand am längsten auf der Hallig im Dienst war, hat die erste Pfahlhütte 1909 erbaut, die heute restauriert in Wilhelmshaven steht. Seit 1977 gibt es hier zwei Hütten, in denen sich Besucher über Vogelschutz informieren können.
8 SAG »JA«: SÜDEROOG
Obwohl Süderoog zu den Kleinen im Halligverbund gehört, ruft ihr Name bei manch älteren Herren noch heute große Erinnerungen hervor: Süderoog war für viel Jungs zwischen den 30er- und den 60er-Jahren ein Synonym für Abenteuer. Sie verbrachten hier Freizeiten, erlebten Natur pur.
Der Pädagoge Herrmann Neuton Paulsen hatte hier seinen Traum von einer internationalen Begegnungsstätt verwirklicht. Nachdem er im Ersten Weltkrieg Furchtbares erlebt hatte, wollte er junge Menschen vieler Nationen zu respektvollem Miteinander erziehen. Heute darf Süderoog nur bei Führungen betreten werden, gehört zur Schutzzone 1 des Nationalparks Wattenmeer. Vögel sollen hier im Frühjahr wie Herbst einen ruhigen Rastplatz finden. Für zwei Personen gilt die Beschränkung nicht: den Küstenschützer und seine Frau. Sie leben auf der einzigen Warft der Hallig. Manchmal kümmern sie sich um besondere Gäste. Denn Süderoog ist der »naturnahste Trauungsort« der Gemeinde Pellworm, nach einem Fußmarsch durchs Watt gibt man sich das Jawort im Pesel des Hallighauses.
9 LÜTT: NORDSTRANDISCHMOOR
»Lüttmoor« – kleines Moor wird die Hallig liebevoll von ihren Bewohnern genannt. Nordstrandischmoor heißt sie offiziell. Besucher gehen durchs Watt zur Hallig oder fahren mit den Ausflugsschiffen von Nordstrand zur Hallig. Die Einheimischen benutzen den 3,5 km langen Lorendamm zur Hallig. Nordstrandischmoor ist die jüngste der zehn Halligen. Sie entstand 1634, als eine gewaltige Sturmflut die einstige Insel Strand in drei Teile zerriss. Erst nach der Flut, nachdem die Hallig entstanden war, siedelten sich hier einige Familien an. Sie lebten vom Ertrag des Hochmoores, fischten und hielten Schafe. Heute leben 22 Einwohner auf vier Warften auf der Hallig. In der Halligschule hält der Pastor von der Kirchengemeinde Odenbüll auf Nordstrand zeitweise Gottesdienste ab. Das sehenswerte Gräberfeld des Friedhofes steht unter Denkmalschutz. Die marmornen Grabsteine sind hier »flachgelegt« und in den Boden eingelassen – damit sie bei Landunter nicht von den Fluten umgeschmissen und fortgerissen werden.
Anreise mit der Adler-Express ab Strucklahnungshörn/Nordstrand, Hafen Hörnum/Sylt und Wittdün/Amrum!








