EIN SCHUTZMANTEL FÜRS WATT
Perspektive Unzählige Menschen, allen voran die rührigen Bewohner der Halligen, engagieren sich für ihren Lebensraum und legen quasi gemeinsam einen Schutzmantel um die 10 Kleinodien vor Schleswig-Holsteins Westküste. Wir stellen vor: die »Biosphäre Halligen« und den »Nationalpark Wattenmeer«
Wer durch das schier endlose Watt wandert, ist von dem Naturschauspiel, das sich hier bietet, überwältigt. Das Wattenmeer ist ein Wunderwerk der Natur. Mit etwa 8.000 Quadratkilometern Wasseroberfläche ist es das größte Ökosystem seiner Art. Denn bei Niedrigwasser fällt im deutschen Einzugsgebiet eine Fläche von etwa 3.500 Quadratkilometern trocken. Idealer Rast- und Futterplatz für über zwei Millionen Zugvögel. Gleichzeitig ist es das vogelreichste Gebiet in Mitteleuropa. Etwa 100.000 Paare brüten hier. Die wertvollen Nährstoffe, die bei jeder Flut mit angeschwemmt werden, bieten etlichen Pflanzen und Kleinstlebewesen ideale Lebensbedingungen: Etwa 3.200 Tierarten sind hier beheimatet.
Um dieses wertvolle Naturwerk zu erhalten, wurde das deutsche Wattenmeer in seiner gesamten Ausdehnung ab 1985 nach und nach zum Nationalpark erklärt. Den Anfang machte das Land Schleswig-Holstein: Der hiesige Nationalpark erstreckt sich von der Elbmündung im Süden bis zur dänischen Grenze im Norden und ist 4.410 Quadratkilometer groß. Rund zwei Drittel sind ständig von Wasser bedeckt.
»Wir verfolgen drei große Ziele«, sagt Dr. Eckart Schrey, Fachbereichsleiter Kommunikation und Nationalpark-Partner der Nationalparkverwaltung in Tönning. »Wir sorgen in erster Linie dafür, dass die Natur Natur sein kann. Wir wollen keine Landschaft gestalten und auch nicht einzelne Tierarten schützen.«Natürlich gehört dazu auch die Bewahrung dieses Naturerbes für künftige Generationen. Doch der Nationalpark ist ein auch von Menschen geprägter Lebensraum. Das Wattenmeer soll weiterhin ein Erholungsgebiet und Naturerlebnis sein. Zusammen mit den Nationalpark-Partnern sorgt die Verwaltung für naturverträglichen Tourismus, »Die Menschen sollen die Liebe zur Natur entwickeln und gleichzeitig Spaß haben«, erklärt Schrey. »Das versuchen wir beispielsweise mit den Wattwanderungen und Bildungsangeboten für Schulklassen zu erreichen.
«Dritte Aufgabe der Nationalparkverwaltung ist die Beobachtung der Tiere und Pflanzen.»Wir zählen beispielsweise die Vögel und Seehunde«, so Schrey, »und bemessen die Salzwiesenausweitung.« Forschung, die zwar kostenintensiv, aber sinnvoll ist. Denn letztlich trägt man hier die Verantwortung für eine der letzten Naturlandschaften Europas. Doch nicht nur das Wattenmeer ist ein einzigartiges Naturerbe, das es zu schützen gilt. Die Halligen ebenso. Deshalb gehören sie seit Februar 2005 zusammen mit der Fläche des Nationalparks zum »Biosphärenreservat Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer und Halligen«. Die offizielle Anerkennung dieses Status durch die UNESCO wurde vor allem von den Bewohnern der Halligen und mit Unterstützung engagierter Mitarbeiter aus Verwaltungen und Fachbehörden bewirkt. Biosphären-Gebiete sind wertvolle Kultur- und Naturlandschaften, in denen das Zusammenleben von Mensch und Natur beispielhaft entwickelt und erprobt wird. In Deutschland gibt es 13 Biosphären-Gebiete, weltweit sindes mehr als 480 in über 100 Staaten. Das hiesige Biosphärenreservat ist 4.431 Quadratkilometergroß und in drei Zonen unterteilt: Die Kernzone misst 1.570 Quadratkilometerund stimmt mit den Abgrenzungen der Zone 1 des Nationalparks 1 überein. Auch die Halligen Norderoog, Süderoog, Südfall, Habel und Hamburger Hallig gehören zur Zone 1.Hier steht die Natur an erster Stelle. Sie darfsich ungestört in ihrer ganzen Vielfalt entwickeln. Menschen haben nur eingeschränktoder gar keinen Zutritt.
Die zweite ist eine 2.840 Quadratkilometer große Pufferzone. Sie entspricht der Zone 2 des Nationalparks und lässt eine eingeschränkte wirtschaftliche Nutzung nach dem Nationalparkgesetz zu. In der dritten, sogenannten Entwicklungszone lebt der Mensch im Einklang mit der Natur. Hier wird nachhaltig gewirtschaftet. Die Zone 3 umfasst die Halligen Langeneß, Oland, Gröde, Nordstrandischmoor sowie Hooge und misst gerade mal 2.100 Hektar. Eine im Vergleich zu anderen Reservaten kleine Entwicklungszone. Zum Nationalpark gehören diese Halligen nicht. Die Anerkennung der UNESCO ist im Gegensatz zum Nationalpark an keine Gesetze geknüpft. Man richtet sich aus an Leitlinien und Kriterien, aus denen sich ganz neue Möglichkeiten ergeben: Marketingmaßnahmen, Presse-und Öffentlichkeitsarbeit, Ausstellungen auf Messen und Events sowie regelmäßige Tagungen gehören zu den Projekten der Biosphäre Halligen.
»Die Bewohner der Halligen haben sieben Handlungsfelder definiert, die die Halliggemeinschaft Biosphäre gemeinsam mit uns vorantreibt«, erklärt Kirsten Boley-Fleet, Fachbereichsleiterin für Schutz und Entwicklungsplanung der Nationalparkverwaltung. Diese Handlungsfelder sind: Küstenschutz, Tourismus, demografischer Wandel und Klimaschutzsowie Bildung, Landwirtschaft/Naturschutz und Verkehr. In diesen Bereichen sollen nachhaltig Verbesserungen erarbeitet werden, die den Gedanken der Biosphäre tragen, den Verlust der Artenvielfalt stoppen und den Halligbewohnern ein zukunftsfähiges Leben ermöglichen. Das heißt konkret:»Beispielsweise unterstützen wir den naturverträglichen Tourismus«, so Volker Mommsen, Vorsitzender der Halliggemeinschaft. »Ersoll professionell organisiert und zukunftsfähig sein, aber nicht zu Lasten von Natur und Umwelt gehen.
«Im Klimaschutz ist eines der Ziele, die Halligen ausschließlich mit regenerativen Energien zu versorgen. Also durch Erdwärme sowie Sonnenenergie. Boley-Fleet: »Zudem überprüfen wir, ob man neue, umweltverträliche Verkehrsmittel einsetzen kann.« Der demografische Wandel macht sich auch auf den Halligen bemerkbar. Deshalb will man in ein besseres Bildungsangebot und in die Verkehrsanbindung investieren, um die Halligen für junge Familien attraktiver zu machen. Mehr als drei Jahre hat es gedauert von der Idee, ein Biosphärenreservat zu werden bis zur Ernennung. Doch damit nicht genug. Die Wattenmeerregion hat schon ein neues Ziel: Im Januar 2009 stellten sie bei der UNESCO den Antrag zum Welt-Naturerbe. Mehr Informationen gibt es im Internet unter: www.wattenmeer-nationalpark.de und www.halligen.de


