Reisende Kühe und andere Spezialitäten
AGRAR Hartwig Binge ist Landwirt auf Hallig Hooge, was nur selten so romantisch ist, wie es klingt, immer den ganzen Mann fordert und manchmal sehr spezielle Momente hat. Beispielsweise, wenn Kühe zu Touristen werden

- Hartwig Binge im Stall seines Hofes, mit den beiden Pferden: „Irgendwann“, sagt er, „würde ich auch gern mal wieder reiten“.
Dieser Mann hat Hände, die zupacken können, breite Schultern und eine sympathische Bereitschaft auch mal über Gefühle zu sprechen. Über die Sorge um den Strukturwandel in der Landwirtschaft, über das Glück, wenn eine der Töchter von Sansibar zurückkehrt nach einem halben Jahr, über die Fürsorge für »die Tiere«. »Mein Vater«, sagt Hartwig Binge, »war ja noch echter Landwirt.
Bis Ende der 60er haben wir komplett davon gelebt, als Selbstversorger.« Das waren die Jahre, als fast jeder hier ein bis zwei Kühe hatte, ein bis zwei Schweine, ja, auch Hühner. »Bis wir Mitte der 70er dann überströmt wurden vom Tourismus und es mit den Gästen richtig losging. «Nahezu zeitgleich mit den Gästen landeten auch die ersten reisenden Kühe auf Hooge. »Pensionstiere«, von ihren festländischen Besitzern rübergeschickt zur Sommerfrische, auf der Flucht vor einer heimtückischen Fliegenplage, die in Nordfriesland wütete und die Bestände dramatisch reduzierte. »Davon blieben wir verschont. Der Salzgehalt der Luft, der Wind, das mochten die Fliegen nicht. «Fliegen weg, Touristen hin, Kühe her: Der Rindertourismus hat längst auch die Hooge’schen Kühe erfasst. Sie überwintern auf dem Festland, weil es zu wenig Heu gibt auf Hooge (»Gerade die letzten Sommer waren extrem schlecht in Sachen Heuernte«) und viel billiger ist, die Kuh rüberzubrigen zum Heu als das Heu zur Kuh nach Hooge zu holen. »Früher hieß das: Fähre auf, einfach alle Kühe raufgetrieben, ganz schöne Sauerei«, lacht Binge.

- Zotteliges Duett: Hooger Kühe sind fotogen, lächeln souverän in die Kamera und arbeiten heute leider nicht mehr in der Milchwirtschaft
Heute ist die Kuhreisegruppe sauber im Hänger unterwegs, hin wie her. 1990 hat Hartwig Binge den Betrieb von seinen Eltern übernommen und nicht erst seither einen rasanten Strukturwandel miterlebt. Vorläufiger Höhepunkt: der Auszug der letzten Milchkuh von Hooge im vergangenen Herbst. »Weg zu sein von der Melkerei«, sagt Hartwig Binge und das klingt melancholisch, »finde ich immer noch schade.« Dass es hier damit vorbei ist, liegt auch an den immer komplizierter werdenden Auflagen. Mal waren sie drin im Bergbauernprogramm, die Hooger, dann gabs die männliche Rinderprämie, die Mutterkuhprämie, schließlich die Ringelgansentschädigung, die zunächst tierbezogen, dann flächenbezogen gezahlt wurde und heute alle zwei Jahre einen Stab von offiziellen Gänsezählern auf die Hallig treibt. Wer Binge zuhört, begreift nur die Hälfte, hört aber den Amtsschimmel wiehern und den Formularwald rascheln, begreift, dass ein Halligbauer heute Marketingexperte, Verfahrensrechtler, Betriebswirtschaftler, Psychologe und international (EU-Recht!) bewandert sein muss. Wobei »es nicht ums Geld allein geht. Wir wollen ja hier vor allem auch das Land erhalten, sind sowieso mittlerweile mehr Landschaftspfleger als Landwirte«, erklärt Binge

- Hooge Mix mit Texel, Suffolk, ostfriesischen Milchschafen als Vorfahren
Und trotzdem. Er hat 10 Mutterschafe und »neun Mädchen« für die Nachzucht, der Binge. Er hat zwei Kleinpferde, auf denen er gernirgendwann mal wieder reiten würde, und Kühe, von denen jedes Jahr eine »zur Vermarktung vor Ort« eingeplant ist. Allerbestes Fleisch, komplett schadstofffrei, eine Delikatesse, weil die Tiere hier nicht so schnell fettwerden. Binge macht auch Lammwurst und hat mit dem eigenen Hofladen wieder aufgehört, nachdem sich Ökofleisch, Biowein und Biomilch nicht gut genug vermarkten ließen. Jetzt ist aus dem Lädchen eine Ferienwohnung geworden. Auch schön, sagt Binge, eben wieder was anderes.
Hartwig Binges Kühe sind von der Rasse »Hallig Spezial«, relativ kurzfellig. Rotbunte, Schwarzbunte mit eingekreuzten Charolais, angepasst an das Leben auf der Hallig, »sehr korrekt vom Fleisch her«. Manchmal beschert der Halligalltag mit der Kuh auch nette Überraschungen. Derzeit gibts ein Jungtier, das es gar nicht geben sollte. Da ist irgendwann mal ein dickfelliger Gallowaybulle durch den Graben gezogen und hat sich an eines der schieren Jungtiere von Binge herangemacht. Als »dann was mit Knopfaugen und Zottelfell herauskam, wussten wir Bescheid. Superniedlichdas Tier.« Aber eben eigentlich kein »Binge Hallig Spezial«. Vor einigen Tagen hat Binge eine seiner Kühe wieder rübergeholt. Während man schwangere Halligbewohnerinnen irgendwann gernzeitig aufs Festland schafft, »damit alles gutgeht«, holt man tragende Kühe vor der Niederkunftlieber her. »Da ist man selbst nahdran, damit alles klar geht.« Idealismus, Liebebraucht man, sagt Hartwig Binge, um den Job hier zu machen. Manchmal fragen sich seine Frau Gudrun und er, warum »man sich das alles antut«, warum man wieder zurückgekehrt ist auf die Hallig, aus den berechenbaren Festlandsjobs als Berufsschullehrerin und Kfz-Mechaniker.
An einem Dienstagmorgen, irgendwann im März, beantwortet sich die Frage von allein. Ein Anruf in der Schule,morgens um 10, Sohn Gerrit kommt zu spät, die ganze Familie hat verschlafen, »weil nachts unser Kalb kam, da waren wir alle lange hoch!« Da sieht Hartwig Binge, mit dezenten Übermüdungsspuren um die Augen, plötzlich wieder ganz klar: »Eigentlich wollte ich schon immer Landwirtschaft machen, genau hier, wenn ich ganz, ganz ehrlich bin.«