Land unter

Beängstigend und beeindruckend: Wenn bei einer Sturmflut das Meer immer näher kommt und höher steigt, steht den Warften rasch das Wasser bis zum Hals - Foto: Hans Jessel

HISTORIE Wenn die Nordsee eine Sturmflut schickt, das Wasser steigt und steigt, dann zitiert sie damit quasi auch aus der Entstehungsgeschichte der Halligen.

Die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm, vielleicht hat sie hier ihren Ursprung: Wenn Gefahr am Horizont droht, wenn der Wind noch einmal einschläft, bevor er sich kurz darauf brüllend erheben, Wassermassen sammeln und gen Norddeutschlands Küsten jagen wird, werden die Menschen auf den Halligen geschäftig. Trecker anschmeißen, los, los, Groß und Klein, alle gemeinsam, rasch muss es gehen, Vieh zusammentreiben, in die Ställe sperren, Sandsäcke schleppen, Bretterverschläge errichten, jede helfende Hand zählt, Boote verzurren, schnell, schnell, alles auf die Warften schaffen, was man dem Meer verwehren will. Menschen, Tiere, Hardware.

Ein Leben im Extrem schweißt schlagartig zusammen am Tag X, schafft ein eingespieltes Helferballett, das sich präzise und routiniert formiert und nach einem generationenlang erprobten Schema agiert. Denn die Alten und die Erfahrenen, die Sensiblen und die Wachsamen spüren, dass das Wasser kommt, meist schon, bevor die erste Sturmflutwarnung per Radio oder Telefon auf den Halligen anlandet.

Heuklappen, Holzboot mit Inhalt: Was hier so friedlich und malerisch in der Sonne an der Warft herumliegt, wird bei einer der häufigen Sturmfluten im Lauf des Jahres schnell Spielmaterial der Elemente, wenn die Halligbewohner nicht rechtzeitig zupacken und alles in Sicherheit schaffen, festzurren oder vertäuen

Zunächst leckt das Meer an den Sommerdeichen und schickt immer mal wieder eine Husche Wasser über die Kante wie die Zunge eines gefräßigen Monsters. Irgendwann ist es dann jählings soweit: Das Meer schmeißt sich über den Deich. Das Wasser schießt heran, es schwappt, es klatscht, überflutet Wirtschaftswege, lässt hochbeinige Schilder nur noch mit der Nasenspitze aus dem Wasser herausschauen, überspült das Grünland, mal schleichend,aber gnadenlos konsequent, dann wieder aggressiv, arbeitet es sich gen Warften vor. Streng genommen inszeniert die Natur bei jeder Sturmflut ein beeindruckendes Zitat aus der Historie der Halligen. Die Basis dieser archaisch anmutenden kleinen Welt ist erdgeschichtlich ein Youngster. Die zweite Marcellusflut Mitte des 14. Jahrhunderts,eine verheerende Sturmflut, auf deren Konto nach Schätzungen bis zu 100.000 Tote gehen, setzte weite Teile der Westküste komplett und nachhaltig unter Wasser und schuf so die Halligen.

Dabei versank auch die sagenumwobene Stadt »Rungholt«, das »Atlantis« des Nordens. Von Alt-Nordstrand blieben die Halbinsel Nordstrand zurück, die Hallig Nordstrandischmoor und die Insel Pellworm. Die zerstörerische Flut ist auch als »GroteMandränke« in die Geschichte eingegangen, was man grob mit »Große Menschenertränke« übersetzen könnte, und noch heute allen Kindern an der Westküste ein beeindruckender Begriff ist, den sie spätestens im Heimat- und Sachkundeunterricht an der Grundschule kennenlernen.

Landunter ist eine vielsagende Vokabel aus dem Sprachschatz der Elemente, die sie mittlerweile immer häufiger herausschreien. Mit dem Anstieg des Meeresspiegels im Zuge des Klimawandels wächst die Bedrohung für die Halligen langfristig, aber stetig. Im alltäglichen Sprachgebrauch haben die winzigen Warften längst deutliche Spuren hinterlassen: Wenn jemand sagt: »Bei mir ist Landunter«, ist das ein landauf, landab verständliches Synonym für Überforderung. Die anrührendste Hommage an die fragile Existenz der Halligbewohner aber, die so unerschütterlich und doch flüchtig wie die Liebe scheint, schuf übrigens bereits im Jahr 1993 Herbert Grönemeyer mit seinem Song »Landunter«. Darin heißt es: »Der Wind steht schief, die Luft aus Eis, die Möwen kreischen stur, Elemente duellieren sich, Du hältst mich auf Kurs. Hab keine Angst vor’m Untergeh’n, Gischt schlägt ins Gesicht. Ich kämpf mich durch zum Horizont, denn dort treff ich Dich.«

Und montags hat sie frei

Halligkirche Hooge: Sie gibt der Kirchwarft ihren Namen, ist sonntags stets gut besucht, hat montags immer frei.
Und manchmal schaut auch das Wasser herein, wenn »Landunter« ist.
Dann toben die Wellen über den sonst so idyllischen kleinen Friedhof, hier ein Bild von 1981
und rütteln an der Kirchentür - Fotos: Hans Jessel; Kirchengemeinde Hooge, D. Heyde

ST. JOHANNIS Sie ist eine der kleinsten Kirchen Nordelbiens, hat aber riesige Reichweite, sie wurde 1642 geweiht, besitzt aber Inventar, das älter ist: Hooges Halligkirche ist ein Publikumsmagnet mit vielen Reizen

Montags ist abgeschlossen. Seit 20 Jahren schon. »So ein Gebäude muss auch mal durchatmen können«, sagt Uwe Jessel vom Kirchenvorstand rigoros, vor allem, wenn es bis zu 100.000 Besucher pro Jahr anzieht wie die kleine Kirche von Hooge. Was auch den Hoogern einen friedlicheren Wochentag im Sommer beschert: Wenn der Publikumsmagnet sich ausruht, kommen nicht ganz so viele Besucher wie anderntags.

In den Jahren 1637 bis 1642 wurde die Halligkirche erbaut. Einer ihrer Baumeister war quasi die Sturmflut von 1634, in der weite Teile von Alt-Nordstrand untergingen, 18 von 24 Kirchen zerstört wurden. Deren Trümmer nutzten die Hooger als Baumaterial, Teile des Inventars dieser Kirche sind also älter als die Kirche selbst: beispielsweise das Taufbecken, die aus der Werkstatt des Flensburgers Ringeling stammende Kanzel und Teile des Gestühls.

Puristen wie Romantiker lieben die Halligkirche gleichermaßen. Bemerkenswert sind, neben der besonderen Stimmung des Gotteshauses, die aus dem Jahr 1743 stammende Walfischtür an der Kanzel; die Gedenktafel über der Südtür, die an die Flut von 1825 erinnert; das Kruzifix an der Südwand, das aus dem frühen 16. Jahrhundert stammt und 1825 als Strandgut auf Hooge landete, als ob es hierher wollte; der Sand- und Muschelgrund zwischen den Bänken, eine typische Halligkonstruktion, die das Wasser bei Landunter fix wieder ablaufen und versickern lässt. »Kinder tauchen während des Gottesdienstes gern zum Muschelgucken ab, wenn ihnen langweilig wird«, sagt Pastor Klaus-Dieter Niedorff. Im Schnitt besuchen übrigens 60 Menschen seine Gottesdienste. Was bei nur rund 100 Hooger Bewohnern eine bundesweit sensationelle Quote ist!