EIN HINREISSENDER HOCHSTAPLER

Was für ein zauberhaftes Outfit: Im Juli und August trägt Hallig Gröde ein zartlila Sommerkleid – dann bedeckt der Halligflieder weite Teile der Salzwiesen wie ein violettblaues Meer. Streng genommen ist dieser hinreißende Flieder ein Hochstapler. Denn er wird nur 15 bis 30 Zentimeter groß und hat mit seinem Namensvetter lediglich die Farbe gemein. Dafür kann er Kunststücke: Über ein kompliziertes und in der Pflanzenwelt einzigartiges Drüsensystem scheidet er das aggressive Salzwasser aus, das er über die Wurzeln aufgenommen hat. Und von Zeit zu Zeit geht »Limonium vulgare« (Gewöhnliche Wiesenblume), so der schlichte lateinische Name für den malerischen Star der Hallig-Wiesen, sogar gern baden: Überflutungen mag dieser Flieder. Botaniker gehen davon aus, dass er damit quasi eine Art »Salzwasserdesinfektion « nutzt und sein Immunsystem stärkt. Obwohl der Halligflieder eigentlich recht robust ist, steht er heute unter Naturschutz. Als in den 80er-Jahren Trockensträuße schwer angesagt waren, hätten ihn die Menschen, vor allem die Halligbesucher, wegen eines weiteren sehr speziellen Charakterzuges fast ausgerottet: Dieser Flieder hält Farbe und Form seiner schirmartig verzweigten Blütenstände auch lange nach dem Trocknen, was ihm eine tragende Rolle in Gestecken und Sträußen (»Staticie«) bescherte. Heute gilt überall im Nationalpark: Pflücken verboten! Ganz oben auf der Beliebtheitsskala steht diese Pflanze übrigens auch bei Insekten. Niedlichster Fan: der sogenannte Halligfliederspitzmausrüsselkäfer, der – wie passend – ebenfalls ganz in Lila daherkommt.


Gröde gilt als eine der ursprünglichsten Halligen. Hier leben weniger als 20 Menschen in sechs Haushalten auf zwei Warften, hier gibts eine Minischule und noch die »Allmendewirtschaft«, die Hallig-Familien bewirtschaften also gemeinsam das Land. Alle Jahre wieder schaut übrigens einmal die ganze Republik auf Gröde: wenn Bundestagswahlen sind, um 18 Uhr. Denn dieser Miniwahlkreis ist das größte – in Sachen Tempo bei der Stimmauszählung.