GANS SCHÖN WAS LOS

RINGELGANSTAGE Keine Reservierung, kein fester Anreisetermin und nur fressen im Sinn: Zehntausende von Ringelgänsen besuchen die Halligen im April. Eine tierische Großveranstaltung, die sehenswert ist und mit den 12. Ringelganstagen gefeiert wird.

Schnattern, quasseln, flattern: Zehntausende durchreisende Ringelgänse legen auf den Halligen einen mehrtägigen Zwischenstopp ein

Solche Gäste hat man normalerweisenicht wirklich gern in touristischen Regionen. Melden sich nicht an, kommen ein paar Tage früher oder auch viel später, fressen sich rund um die Uhr durch, machen sich überall breit, bringen überraschend noch ein paar Kollegen mit, quasseln nonstop und pfeifen auf die Endreinigung: Im April fallen die Ringelgänse zu Tausenden auf den Halligen ein.

Sie kommen aus dem Winterquartier im Süden und sind auf der Durchreise in die Brutgebiete Nordsibiriens. Hier, in den Salzwiesen im Wattenmeer, fressen sich die Ringelgänse den um die 1500 Gramm dicken Speckmantel an, von dem sie auf der letzten knapp 4500 Kilometer langen Etappe ihrer beschwerlichen Reise zehren. Denn diese Frühjahrsreise ist kein Vergnügungstrip: Über 30 Stunden werden die Gänse in der Luft sein, unterwegs mit einer Reisegeschwindigkeit von um die 90km/h.

Gefräßige Gäste: Ringelgans-Sit-In mit Blick auf die Ipkenswarft

Um nur 200 Gramm zuzunehmen, muss eine Ringelgans fast 10 Kilo Gras verspeisen, Hallig-Salzwiesengras. Was wiederum die Sympathie der Halligbewohner für die Ringelgänse lange Zeit verständlicherweise in Grenzen hielt – schließlich fraßen sie ihnen und ihren Rindern buchstäblich die Haare vom Kopf und hinterließen – um es deutlich zu sagen – beschissene Verhältnisse auf den Fennen. Mittlerweile gibt es längst finanzielle Entschädigungen für Betroffene, was die Beziehungen zwischen Landwirten und Gänsen nachhaltig verbesserte. Zur Feier von »Branta bernicla bernicla«, wie die Ringelgans offiziell heißt, veranstalten die Halligbewohner in Zusammenarbeit mit den Naturschutzverbänden und der Nationalparkverwaltung nun schon im 12. Jahr die Ringelganstage (18. bis 26. April, auf Hooge, Langeneß, Hamburger Hallig, Nordstrandischmoor und dem Festland).

Ein einwöchiges Fest mit vielen bunten Veranstaltungen, vom Gospelkonzert zu Ehren der gefiederten Gäste über fachkundige Führungen bis hin zum Bernsteinschleifen, Salzwiesenwandern, der Ringelgans-Rallye und themenbezogenen Theateraufführungen sowie Speisekartenposten der Gastronomie. Wobei der Gänsebraten selbstverständlich nicht dazugehört. Vielmehr serviert man hier zum Anlass frische saisonale Leckerbissen wie beispielsweise Bowle, spezielle Matjesgerichte oder raffinierte Süßspeisen.

Von Sylt aus geht es im April ran an die Gans auf Hooge jeweils täglich um 11.55 Uhr ab Hafen Hörnum mit der »Adler-Express«. Auf Amrum legt die Express um 12.45 Uhr ab. Ab Nordstrand gehts täglich um 9.15 Uhr und um 14.30 Uhr los. Auf Hallig Hooge führen dann auf Wunsch Mitarbeiter der Schutzstation Wattenmeer ins Thema ein und relativ nah an die Tiere heran. Wenn sich aus einerLaune heraus dann plötzlich Hunderte Gänse in die Luft erheben für eine Flugrunde, und der majestätisch-schwerfällige Schlag ihrer Schwingen die Nordseeluft zerteilt, begreifen auch Halligbesucher, warum genau diese Gäste hier so willkommen sind, ganz egal, wie sie sich benehmen.

Ein paar von ihnen pfeifen übrigens immer auf den Abreisetag – das dürfen nur diese Besucher – und bleiben spontan noch länger. Mit etwas Glück wird also auch ein Halligbesuch im Mai noch gansschön beeindruckend.

Weitere Infos: auf www.ringelganstage.de, auch mit reizvollen Pauschalangeboten; Tickets fürdie Schiffstörns gibts bei Adler-Schiffe, Büro Sylt, Tel. 04651-98700, Büro Nordstrand, Tel.04842-9000 oder auf www.adler-schiffe.de

Termine auf Nichtanfrage

PREMIERE Halligbesucher schreiben über ihr »erstes Mal«. Diesmal: Kattrin Mauz-Rudi, Redakteurin des Hallig-Boten

Kattrin Mauz-Rudi (Redaktion)

Die Voraussetzungen für mein erstes Mal waren alles andere als romantisch. März. Schlechte Sicht, Nieselregen, frostige Temperaturen, zu dünn angezogen, mieser Empfang auf dem Handy, Arbeitshochspannung im Kopf, vibrierende Fähre unter den Füßen. »Guten Tag, der Hallig-Bote. Können wir einen Termin machen, morgen 10 Uhr?« »Rufen Sie an, wenn Sie am Anleger sind! «Hm. Zweiter Versuch, diesmal beim Pastor. »Termin? Gern. Rufen Sie vom Anleger aus an.« Dritter Versuch beim Landwirt. »Termin? Meldet euch, wenn ihr am Anleger seid.« Nach dem fünften Versuch (»Wir sehen uns sowieso am Anleger«) gab ich auf.

Wer weiß, dass lange nicht alles am Hallig-Anleger ankommt, was sich angekündigt hat, weil das Schiff nicht kommt oder der Sturm nicht geht, macht keine Termine. Wer Termine machen will auf Hooge, lernt Hooge auf sich zukommen zulassen. Als wir den Anleger erreichten, hatte ich irgendwie keine Lust zu telefonieren. »Macht nix,« sagte meine Gastgeberin Katrin, selbstverständlich am Anleger, »das ergibt sich alles.« Es ergab sich vieles in diesen Tagen. Dass man auf Hooge nicht zu spät kommen kann oder zu früh, dass man sich sowieso irgendwann über den Weg läuft, dass sich findet, was zusammengehört, dass sich trifft, was passt. Und dass man einfach auf sich zukommen lassen kann, was unterwegs ist, wenn die Sicht in alle Himmelsrichtungen so frei ist wie hier. Dass paradoxerweise plötzlich alles geht, wenn man endlich mal still hält.

Wir sammelten nachmittags mit Gummistiefeln am Sommerdeich Austern und tafelten abends wieder Jetset. Wir schauten 30 Minuten fünf pubertären Jungausternfischern beim Posing zu und unterhielten uns weitere 25 Minuten lang drüber. Wir vergaßen unsere Handys auf dem Zimmer. Wir sprachen stundenlang gar nicht oder lange Stunden mit neuen Bekannten. Wir strampelten gegen waagerecht heranstürzenden Regen und Wind von West von Warft zu Warftund wurden unterwegsvon der Nachricht überholt,die wir überbringen wollten. Wir hörten, wie laut Stille sein und wie tobender Wind Ruhe ins Gemüt bringen kann. Wir aßen Butter, die mit heißem Teelöffel zu kleinen Rosetten geformt war, so wie Oma es früher machte. Wir begriffen wieder, wie der Sonntag schmecken kann, wenn es nur an diesem Tag Brötchen gibt. Stillhalten. Das muss man aushalten können. Am ersten Tag war es schwierig. Am zweiten Tag irritierend. Am dritten angenehm. Am vierten Tag ahnte ich, dass die drohende Resozialisierung im Alltag schwer werden könnte. Am fünften wollte ich nie wieder Termine machen.

Doch. Einen letzten noch, mit viel Romantik: den für den nächsten Halligbesuch