UNESCO-WELTNATURERBE: Die Welt guckt gen Norden

Ein riesiger Schwarm Lachmöwen steigt über der winzigen Hamburger Hallig in die Weite des Himmels auf. (Foto: Martin Stock)

AUSGEZEICHNET Ein Aufschrei schallt über die Halligen, das Watt und die Inseln, der international Gehör findet: »Wir sind UNESCO-Weltnaturerbe!«, jubelt die Region. Ein großer neuer Impuls für einen einzigartigen Naturraum.

Es war eine Initiative des Bundes, der Länder Schleswig-Holstein und Niedersachen und der Nationalparks, der ein jahrelanger Verhandlungs-marathon mit Politik, Wirtschaft und Umweltschutz voranging: 2008 klopfte man endlich mutig gemeinsam bei der UNESCO an und trat die Bewerbung um die Anerkennung als »Weltnaturerbe« für das Wattenmeer los.

Ein gutes Jahr später war es soweit: in Sevilla sprach die UNESCO 9.700 Quadratkilometern Wattenmeer (vom niederländischen Den Helder bis eine Handbreit hinter dem Sylter Ellenbogen) quasi den »Oscar des Naturschutzes« zu, erkannte sie als Weltnaturerbe an. Eine große Auszeichnung, die das Wattenmeer in eine Riege stellt mit den Dolomiten, dem Great Barrier Reef und dem Grand Canyon. Damit wird weltbekannt, was einheimische täglich erfahren: der besondere Zauber dieser einzigartigen Landschaft, die die Menschen und ihr Leben hier prägt; der Kontrast der Enge auf den Warften der Halligen zur Weite von Wiesen und Horizont; die touristischen Höhepunkte der Inseln gepaart mit anrührender Ursprünglichkeit.

Am schönsten lässt sich das Weltnaturerbe mit dem Schiff erfahren. Mit Möwengekreisch und echten Seebären, mit fliegender Gischt und im Wind knatternden Fahnen, mit einer Passage der Seehundsbänke und einer Tasse dampfenden Pharisäers, mit tiefen Einblicken und wunderschönen Aussichten. Irgendwo zwischen Ebbe und Flut, zwischen Hooge und Hörnum, zwischen dem Kommando »Leinen los« und der Heimkehr im Hafen, ergeben sich ganz nebenbei antworten auf viele Fragen. Wie es sich hier so lebt, warum man auf ganz neue Ideen kommt, wenn der Horizont so weit ist, und wohin die Reise geht. Die Reise des Weltnaturerbes. Denn natürlich hofft man hier auch auf wirtschaftliche Impulse für die strukturschwache Region, auf internationale Besucher des Weltnaturerbes.

Auf den Halligen verdichtet es sich besonderseindringlich, das Erbe. Im Wechsel von friedvoller, windstiller Abgeschiedenheitund brutalen attacken der Gezeiten wird die Gefährdung dieses sensiblen Kosmos fühlbar: durch die Naturgewalten, deren Regisseur der Mensch längst global hineinpfuscht. Mit den Worten »rauschende, schwarze, langmähnige Wogen kommen wir rasende rosse geflogen« hat Schriftsteller Detlev von Liliencron in seiner Ballade »Trutz, Blanke Hans« schon 1882 die stürmische Seite der Nordsee beschrieben. Ein Bild, das sich mit dem ansteigen des Meeresspiegels infolge des Klimawandels erweitern ließe: Da rennt auch noch jemand mit der Peitsche hinter den ohnehin entfesselten Rössern her. Vom Weltnaturerbe-Titel erhofft man sich hier eines ganz besonders:Fürsorge für eine der schönsten Ecken der Welt, die hochgradig gefährdet ist.