JUBILÄUM Erst seit rund 40 beziehungsweise 50 Jahren kommen auf Hooge der Strom aus der Steckdose und das Trinkwasser aus dem Hahn. Renée Oetting-Jessel, Autorin und Gästeführerin auf Hooge, erinnert an Meilensteine der »Halligzivilisation«
Vor 42 Jahren – 1968 – strömte auf Hallig Hooge das erste saubere Trinkwasser aus einem Zapfhahn. Ein Sprung in eine neue Zeit! »Alle Tätigkeiten und alles Denken orientieren sich am Wasser«, stellte zuvor der Chronist fest. Für die Menschen an der Küste ist und war nicht nur das Süßwasser von großer Bedeutung, sondern auch das Salzwasser, weil die Halligen vor Jahrhunderten buchstäblich aus dem Nordseewasser emporwuchsen.
Kniehoch stand das Wasser in der Kirche bei der Flut von 1962. Zur Süßwasserversorgung gab es damals nur Brunnen, in denen Regenwasser gesammelt wurde. Bei Sturmfluten war also die größte Sorge, dass diese voll Salzwasser liefen. Schon über die Sturmflut am Altjahresabend 1878 schreibt Pastor Prieß eineinhalb Stunden vor der Flutzeit: »Wie erschrak ich: Das Wasser war wieder einen vollen Fuß höher gestiegen ... Es brauste in immer höher schäumenden Wogen heran. Es stand fast bis an die Schwelle meiner Tür. Es war die größte Gefahr, dass meine beiden offenen Brunnen voll Seewasser liefen. Mit Mühe legte ich über den Deckel einen Sack mit Lehm, der für solche Zwecke in jedem Hause bereit liegt ...« Wenn die Brunnen dann tatsächlich versalzten, mussten sie komplett leergepumpt werden, bevor sie neu befüllt werden konnten. Vom hygienischen Standpunkt betrachtet hatte dieses Trinkwasser natürlich Tücken. So lagen auf der Kirchwarft die Brunnen im Bereich eines alten Gräberfeldes. Da hinein floss das ungereinigte Oberflächenwasser. Mit Eimern wurde es geschöpft und in der Küche verwendet. Hier kam als Vorratsbehälter der
Süßwasserquellen der Halligregion sind nur aus der Legende bekannt. Im Watt zwischen Langeneß und Föhr soll es eine Quelle gegeben haben, aus der man bei Ebbe Wasser schöpfte. Eines Tages gab es Streit unter den Wasserholern, einer warf wutentbrannt einen Stein in die Quelle und das Wasser versiegte für immer. Soweit die Sage. Tatsächlich förderten alle Brunnen nur mehr oder weniger salzhaltiges Wasser. Wasser mit geringerem Salzanteil wurde zwar zeitweise zur Tränkung des Viehs verwendet, förderte aber nicht unbedingt dessen Wohlbefinden. Regenwasser musste also jahrhundertelang den Bedarf für Mensch und Tier decken.
Als »Trinkwasser« wurde von den Dächern ablaufendes Regenwasser über eine steinerne Rinne zu einem Brunnen geleitet. Das Reet der Dächer verlieh dem Wasser schon so viel braune Farbe, dass man am Luxusartikel Tee etwas sparte. Worauf wahrscheinlich auch die Erfindung des Teepunsches zurückgeht: Zur Geschmacksverbesserung und Desinfizierung wurde der dünne Tee mit Köm, einem Kümmelschnaps, versetzt. Nicht immer reichte das Regenwasser aus Brunnen für die Menschen und aus den Auffangbecken der Fethinge für die Tiere aus. Trockene Sommer oder Flutkatastrophen machten den Einsatz von Wasserschuten notwendig, um die Bevölkerung zu versorgen. Die Entwicklung des Tourismus tat ihr Übriges, den Anschluss an die öffentliche Wasserversorgung zu beschleunigen. 1968 wurde der erste Wasseranschluss auf der Ockenswarft in Betrieb genommen. Zwei Jahre später – im Sommer 1970 – waren dann alle Hooger Haushalte an das Festlandsnetz angeschlossen. Unser Trinkwasser kommt aus den eiszeitlichen Sanden bei Flensburg. Über 75 km führt die Wasserleitung quer durch Schleswig-Holstein und das Wattenmeer nach Hooge.
Etwas unproblematischer war früher die Energieversorgung. Talglichter und Petroleumlampen waren gang und gäbe. Ein Haushalt verbrauchte im Jahr etwa 80 Liter Petroleum, das die sogenannten
Der Sprung in die Neuzeit gelang 1959. Die SCHLESWAG (Schleswig-Holsteinische Stromerzeugungsgesellschaft) verlegte ein 20.000-Volt-Kabel von der Insel Pellworm durch das Watt nach Hooge. 400.000 Mark kostete das damals. Lehrer Zuaniecki vermerkt dazu: »Der 15.11.59 geht als bedeutungsvoller Tag in die Geschichte der Hallig Hooge ein. Die bereits vor einem Vierteljahr begonnenen Kabelverlegungsarbeiten zwischen Pellworm und Hooge entlang des Tiefs, auf der Hallig selbst und der Bau der Transformatoren für die Stromversorgung sind abgeschlossen. In den Abendstunden erstrahlen gleichzeitig auf allen Warften die Häuser in gleißendem Licht und alle Bewohner feiern ihr Lichtfest... Alle Einwohner Hooges sind froh und dankbar über diese vorteilhafte Veränderung, die tiefgreifende Veränderungen des Halliglebens bewirken wird.« Eine erste war die Anschaffung einer elektrischen Orgel für die Kirche zum Weihnachtsfest.
Die Zahl der elektrischen Geräte in unseren Haushalten steht heute kaum hinter der des Festlandes zurück. Gerade Tiefkühlgeräte sind für unsere Versorgung sehr wichtig geworden und Stromausfälle können große Verluste bedeuten. Deshalb gibt es auf den Halligen zusätzlich Dieselaggregate, die bei Stromausfall einspringen.
Die logistische Meisterleistung der Verlegung von Strom- und Wasserleitungen zur Hallig Hooge wird die Halligbevölkerung in diesem Sommer mit Zeitzeugen und Vertretern der Verbände feiern, denn wie schon Goethe erkannte: »Alles ist aus dem Wasser entsprungen! Alles wird durch das Wasser erhalten!«
»Woarpott« zum Einsatz, ein knapp ein Meter hohes Tongefäß mit gut zwei Metern Umfang. Aber warum hat man Oberflächenwasser genutzt statt Grundwasser?»Einkäufer«, Halligmänner mit eigenen kleinen Schiffen, vom Festland mitbrachten. Schon in den 30er-Jahren wurde hier mit Windenergie experimentiert: Zur Umwandlung in elektrische Energie benötigte man 55 Akkumulatoren zu je zwei Volt. Bald hatte jede Warft ein oder mehrere Windräder, Strom für Lampen und zum Radiohören.