EINE SCHICKSALHAFTE POSTKARTE

Foto: privat/Hans Jessel
Neue Heimat Hallig Hooge: Christina Witte zieht jetzt mit ihrem Mann um

NEUANFANG Genau genommen dauert seine »Anreise« fast 30 Jahre und schuld daran ist eine schlichte Postkarte: Martin Witte heißt der neue Pastor von Hallig Hooge, der in diesem Mai mit seiner Frau Christina von Mecklenburg aus endlich auf die Kirchwarft zieht.

 Es war irgendwann Anfang der 80er. Der Westen weit, weit weg, die Mauer lückenlos, da flatterte Familie Witte eine Postkarte ins Haus mit unbekanntem Absender. Vorne drauf ein Foto, das das junge Paar schwer beeindruckte: ein Haus, eine Warft, drumherum sehr viel mehr Nordsee, als man sich hier tief im Osten, noch ein Stück rechts von Rostock, vorstellen konnte. Landunter. Spektakulär. Das sah nicht nach leichtem Leben aus und verlangte offensichtlich ungewöhnliche Werbemaßnahmen, wenn beispielsweise die Pastorenstelle neu besetzt werden sollte: Hintendrauf stand, ob man sich vorstellen könne, auf Hallig Hooge als Pastor zu arbeiten?! Unmöglich. Für Martin und Christina Witte, das Theologenpaar, hätte damals ein bewilligter Ausreiseantrag einen Never-Come-Back-Trip nach Westen und Berufsverbot bedeutet. Und so kam die Hallig, weit draußen im Watt, gar nicht in Frage. Aber die Karte blieb hängen, an der Küchenwand, und Hooge irgendwie im Kopf.

 Familie Witte ist beweglich, engagiert, zieht über die Jahre von Gemeinde zu Gemeinde, Inland, Ausland. Die Hooge-Karte ist immer dabei. Küchenwand in Malmö. Küchenwand nahe Schwerin. Die Karte bleibt. Und auch der Text. Auf die möglichen Härten des Halliglebens wurde da hingewiesen, kein Opernhaus, keine Kultur. Für Wittes stand die Grenze dazwischen, viele Gedanken, immer wieder, aber keine Berührungsangst. Und als die Grenze aufging, sind sie, mittlerweile mit drei Mädchen an der Hand, als erstes an die Nordsee gefahren, nach Hooge natürlich. Auf »ihre« Hallig.

Jetzt, als feststand, dass sie rüberziehen werden, haben sie auch über den Nebel-Tag im Oktober 1990 gesprochen. »Andere hätten das Wetter vielleicht unwirtlich genannt«, sagt Martin Witte, »mir gefiel es sofort. Alles.« Die jüngste Tochter, heute 23, sagt spontan lachend: »Ein Albtraum, die Tour, das Fahrrad war für mich viel zu groß.«. Die Älteste, mittlerweile als Ärztin in Island unterwegs, hat noch den Besuch des Sturmflutkinos samt Film parat, »wie die Kühe auf einem Hügel standen und gerettet wurden«.

Nur kurz durchgegangen ist Christina Witte in diesem Winter bei ihrer Vorstellung durch das Hooger Pfarrhaus, »es stand mir noch nicht zu, die Nase da reinzustecken«, sagt sie, »solange die Entscheidung nicht gefallen war, wer neuer Pastor werden soll«. So weiß sie gar nicht wirklich, welche Wohnsituation sie jetzt erwartet. Eigentlich ist es ihr fast ein bisschen zu groß, das trutzige Haus auf der Kirchwarft mit der kleinen Halligkirche als Appendix, »denn verwöhnt sind wir nicht«. »Das Herrschaftliche«, sagt sie, »das ist eigentlich nicht mein Stil, ein Bad mit zwei Waschbecken, das bin ich nicht gewöhnt.«

Das, was andere reizen könnte an dem Job, das macht den Wittes Gedanken. Was andere abschrecken könnte, lässt sie lächeln. Die Härten des Halliglebens? Die Abgeschiedenheit? Die langen Winter? »Das«, sagt Christina Witte sehr geradeheraus, »kennen wir doch aus DDR-Zeiten. Da gabs lange nicht mal ein Telefon in manchen Dörfern. Stromausfall, Mangel, Improvisation, Eng-Zusammenrücken, das gehörte bei uns alles dazu. In dieser Hinsicht waren und bleiben wir Ostzönler.«

Manchmal haben die Halligen etwas Magisches. Hier fügt sich oft scheinbar schicksalhaft, was zusammengehört, hier begegnet sich, was passt: Entgegen allen bisherigen Gepflogenheiten der evangelischen Kirchen wurde 2009 die Stelle des Hooger Pastors übergreifend ausgeschrieben, auch in Mecklenburg. Für die Wittes ist es, als das zweite Hallig-Stellenangebot, diesmal zeitgemäß per E-Mail und postkartenfrei, ins Haus flattert, so, als ob das mit ihnen und Hallig Hooge »einfach so sein soll«. Zur Zeit packen sie viele Umzugskartons. Ein Neuanfang, der Hooge auch etwas zurückbringt – eine 30 Jahre alte Postkarte.

Neue Heimat Hallig Hooge: Christina Witte zieht jetzt mit ihrem Mann um