DIE GROSSE FLATTER
VOGELZUG Im Frühjahr gibts ein tierisches Hallig-Schauspiel: Zehntausende Ringelgänse landen, unterwegs zu den Brutgebieten in Nordsibirien, hier zwischen. Was mit den »Ringelganstagen« gefeiert wird, nun schon zum 13. Mal
Das ist der Sound des Frühlings: »rottrottrott« und »ronkronkronk « tönt es vielstimmig im April und Mai aus den Salzwiesen der Halligen. Ein emsiges, endloses und gutturales Gequassel, das wie der Nonstop-Gesang eines gewaltigen Chors über allem liegt und bis heute von keinem Biologen wirklich übersetzt werden konnte. Was schnacken die da bloß? Egal. Für die Menschen der Region ist es das ultimative Lied, mit dem der Winter endlich sein Ende verkündet.
Zehntausende »dunkelbäuchige Ringelgänse«, lateinisch »branta bernicla bernicla«, benutzen die Halligen zur Zwischenlandung, bevor sie sich auf die letzte Etappe einer gewaltigen Reise machen: Nach der Anreise aus dem Süden liegen immerhin noch rund 5.000 Flugkilometer vor ihnen, bis sie die Brutgebiete Sibiriens, vor allem auf der Taimyr-Halbinsel, erreicht haben werden. Ein kräftezehrendes »Miles & More«- Programm, für das man als Gans vor allem eines braucht: einen dicken Speckmantel, gestrickt aus jeder Menge Kalorien. Die fressen sich die Gänse mit dem weißen Halsband, die überaus treu sind, monogam und lange im Sippen-Verbund zusammenleben, am liebsten wochenlang auf den Halligen an. Was ihre Beziehung zu den Menschen bei aller Freude über die Frühlingsboten in manchen Jahren belastete.
War der Winter streng, so wie in diesem Jahr, bleibt nämlich nach der Abreise der Gänse im Mai nicht mehr genug Grün für das heimische Vieh und die Wiesen sehen schwer mitgenommen aus – weil die gefiederten Gäste auf die Endreinigung pfeifen. Der Vergleich mit biblischen Heuschreckenschwärmen drängt sich auf und wird seit Jahren durch staatliche Unterstützung abgepuffert, die die Ertragseinbußen und den Einkauf von Zusatzfutter für das Halligvieh auffangen. Was die Halligbewohner diese Besucher längst wieder mit einem strahlenden Lächeln begrüßen lässt.
Vom 17. bis zum 25. April feiert man in Kooperation mit den Naturschutzverbänden und der Nationalparkverwaltung in der Biosphäre Halligen schon zum 13. Mal die »Ringelganstage« mit einem bunten Programm aus themenbezogenen Exkursionen, Vorträgen, Theatervorstellungen und Konzerten. Und auch die Kirchen (»Gottesdienst mit Gänseeinlage«) und Restaurants widmen sich dem Thema: wobei Letztere selbstverständlich keinen Gänsebraten, sondern originelle Halligerfindungen servieren. Eröffnet wird das einwöchige Gänse-Event mit einem Festakt auf Hallig Hooge am 17. April um 12.30 Uhr, mit Siegerehrung für den alljährlichen Malwettbewerb und feierlicher Übergabe der »Goldenen Ringelgansfeder«, die Personen ans Revers geheftet wird, die sich für den Schutz der Ringelgänse und ihres Lebensraumes besonders engagieren. Die Gänse halten sich übrigens nicht an den Fahrplan der feierlichen Tage: Die ersten landen schon Wochen vorher, die letzten ziehen erst im Lauf des Mai ab. Genug Zeit also, sich die große Flatter einmal anzuschauen, mit einem Schiffsausflug ab Sylt oder von Nordstrand/Strucklahnungshörn aus: Wenn die Gänse sich zu Hunderten majestätisch mit schwerem Flügelschlag in die Luft erheben, ist das ein ergreifender Nordsee-Moment, den man nicht verpassen sollte.
Ein detailliertes Programm der Ringelganstage und umfassende Infos zum Thema gibts zum Download auf www.ringelganstage.de
> RAN AN DIE GANS
Sie wollen das einzigartige Schauspiel des Gänsebesuchs auf Hooge live miterleben?
Von Nordstrand aus: täglich 9.15 Uhr (mit wahlweise drei oder acht Stunden Aufenthalt) und um 14.30 Uhr (mit drei Stunden Stopp auf Hooge).
Von Sylt aus: täglich um 12 Uhr mit der »Adler-Express« ab Hafen Hörnum, mit über 2 Stunden Aufenthalt und – auf Wunsch – fachkundiger Führung durch Mitarbeiter der Schutzstation Wattenmeer.
Bei der Vormittagstour ab Nordstrand ist ebenfalls eine Führung durch die Schutzstation möglich.
Weitere Fahrplaninfos und Tickets für die gans spannenden Hooge-Törns gibts auf www.adler-schiffe.de, unter Telefon 01805/12 33 44 (0,14 €/Min. aus dem Festnetz, Mobilfunk max. 0,42 €/Min.) oder direkt im Reederei-Büro Nordstrand, Tel. 04842/900 00.
