AUF DEN SPUREN VON KÜNSTLERN UND KAPITÄNEN

- Text: Renée Oetting-Jessel - Fotos: Hans Jessel/R. Oetting-Jessel
SPAZIERGANG Wer auf Hooge einmal die Runde macht, trifft mancherorts die Kunst, an vielen Stellen Kulturelles. Und immer ist oder war irgendwie und irgendwo garantiert ein Kapitän in der Nähe.
Ankunft am Fähranleger: Hier ist die ganze Kunstfertigkeit der Kapitäne gefragt, denn an dieser nördlichsten Ausbuchtung der Hallig ragen die Anlegebrücken hinein in den eigenwilligen Gezeitenstrom der »Norderaue«. Stahlbewehrte Poller flankieren die Brücken wie Ritter ihre Trutzburg. Wir biegen auf den kleinen Sommerdeich ab. Der Blick nach unten offenbart manchen Schatz. Basaltsäulen, die in ihrer schönsten Form von der Natur gleichmäßig sechsseitig ausgebildet sind.
Nach ein paar Minuten Fußweg erhebt sich ein Stein knapp zwei Meter hoch aus dem Deich. Zusammenhanglos scheint er aus seinem Betonbett zu wachsen. Erst der nähere Blick offenbart zwei kleine Öffnungen im graugrünen Kalksandstein. Sie leiten den unermüdlichen Wind in ein Hohlraumsystem im Inneren, verwandeln Gefühltes in Hörbares. Der Halebüller Bildhauer Ulrich Lindow hat diesen Windstein geschaffen. Er symbolisiert Wellen, rauh und unbezwingbar, wie sie bei schweren Sturmfluten den niedrigen Sommerdeich überwältigen. Die Welle weist uns den Weg zur Backenswarft. Direkt unterhalb des Cafés »Blauer Pesel« überqueren wir die Hooger »Hauptverkehrsader «. Pesel, so nennt man die gute Stube vergangener Zeiten. Hier trafen in vielen Häusern Ost und West, Nord und Süd aufeinander, chinesische Teetassen und versilberte englische Gebrauchskeramik, filigrane Seemannskunst aus Walknochen und niederländische Wandfliesen. Kommandeure und Käpitäne investierten gern in fremdländische Souvenirs und Alltagstaugliches, um Ansehen und Lebensqualität in den rauen Gefilden der heimatlichen Hallig zu steigern. Maler gestalteten Holzwände und Deckenbalken. Der »Blaue Pesel« im Café wurde 1928 von Heinrich Nicolaus Soltau ausgemalt. Nach langen Jahren auf See suchte der Hamburger Maler nach dem I. Weltkrieg seine Motive auf Hooge. Er bezog ein eigens erbautes Haus, das er ebenfalls mit Malereien ausschmückte. Seine stimmungsvoll schlichten Landschaftsbilder und Porträts der Halligbewohner zieren noch heute Stuben, Gaststätten und Museen.
An der Südseite der Backenswarft liegt die Gaststätte »Friesenpesel«. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts stand hier das Wohnhaus des Walfang-Kommandeurs Lødde Ragsten, der in seiner Fahrenszeit 51 1/2 Wale erlegte und damit den Grundstein zum Wohlstand der Familie legte. Den Glanz vergangener Zeiten spiegelt die Ausstattung des »Friesenpesels« wider. Vom kuriosen Strandgut über die silbernen Erbstücke bis zur Peselstube tut sich ein Geschichtsbuch auf, dem ein kurzer Kaffeebesuch kaum gerecht wird. Eine geschäftstüchtige Nachfahrin des Kommandeurs rettete den 1743 eingerichteten Pesel ihrer Vorfahren über Erneuerung und Umbau und etablierte im Jahre 1900 mit der ersten Ausschankgenehmigung auf der Hallig das Gasthaus »Zur Erholung«.
Die Menschen am Meer sind ihrer Kirche verbunden. Das zeigt uns der Blick auf Friedhof und Kirchenraum. Der kleine Halligkirchhof weist viele ungewöhnliche Grabsteine auf. In Stein gemeißelte Wellen, die aufgehende Sonne über dem Meer, Runenschrift auf einem Rundstein, die Ansicht einer ganzen Warft. Uli Lindow, den wir bereits vom »Windstein« kennen, hat viele dieser Steine gestaltet. Der Schiffszimmermann und Bildhauer Carl Schümann hat nicht nur seiner Familie, sondern auch ihrer Warft ein Denkmal gesetzt. Der Innenraum unserer Kirche hat die Atmosphäre einer Kapitänsstube. Bilderschmuck, Kerzen, marmorierte Deckenbalken und die bunten Fenster laden zu einem Moment der Ruhe ein. Vom Glück begünstigte Seefahrer haben diesen Raum geprägt. Ihr Dank für einen guten Fang waren Deckenmalereien wie die des Schiffers Bandick Hansen aus dem Jahr 1751 oder Schnitzarbeiten, wie wir sie an den Türen zur Kanzel und zur Orgelempore sehen. Das Glasfenster links vom Altar ließ Bandick Feddersen 1919 anfertigen. Er überlebte knapp den Sturz von Bord eines Schiffes zwischen Föhr und Hooge. Querab der Kirchwarft Richtung Hafen sitzt eine Dame, bereit zum Sprung oder gerade angekommen? Der Bildhauer Axel Süphke erweckte sie aus einem Stück Eiche zum Leben und nannte sie schlicht »Die Hockende«. Hier an ihrem Standort am Seglerhafen vermittelt sie je nach Betrachtungsweise den Eindruck der gebeugten Halligfrau, die den Sohn an den »Blanken Hans« verlor, oder auch der sprungbereiten Sirene, nach dem Motto: »Auf zu neuen Ufern!«

- Der wuchtige Windstein auf dem Sommerdeich

- Die schönen Grabsteine auf dem Kirchhof: Hooge hat Kunstsinn
Unser nächstes »Ufer« ist die Hanswarft. Die Geschichte kennt einige Seefahrer, die hier zu Hause waren. Geblieben in der Erinnerung sind besonders die kunstsinnigen. Tade Hans Bandix, der den Königspesel mit Schätzen aus aller Welt zu einem Schmuckstück machte, und sein Schwiegersohn Albert Barend Hansen. Verschmitzt belächelt er die Schar der Touristen, die täglich, beeindruckt vom Überlebenswillen seiner Familienmitglieder und Mitbürger, durch seine Räume streift.Gleich nebenan hat sich der langjährige Postschiffer Hans von Holdt in den 1980-er Jahren seinen Lebenstraum mit dem Aufbau des 'Heimatmuseums' erfüllt. Akribisch hat er gesammelt, was das Watt nach Stürmen freigab, was Nachbarn aussortierten und Flohmärkte boten. Hier treffen wir auch auf Werke des Hooger Bildhauers Carl Schümann.
Der Hamburger Maler Peter Lübbers zog es vor, nur die Sommermonate auf der Hallig zu verbringen. In seinem ehemaligen Atelier befindet sich heute die Gaststätte »T-Stube«. An den gekalkten Wänden des einstigen Stallgebäudes hängen Halligansichten von Lübbers mit Werken des Hooger Kapitäns Werner Boyens, die sogar käuflich zu erwerben sind: Kunst und Seefahrt, zwei Berufszweige wie sie unterschiedlicher kaum sein können. Auf Hooge haben sie sich über Jahrhunderte beflügelt und manchen Schatz hervorgebracht. Der eine oder andere ist erst auf den zweiten Blick zu entdecken, wie zum Beispiel die einzige biblische Fliese in der Fliesenwand im Eingangsbereich des Gasthauses »Zum Seehund«. Sie stellt eine Szene aus dem 2. Buch der Könige dar, »2 regum 2 V 23«. Der Prophet Elias hat Salz in eine Wasserquelle geworfen und damit den Tod und die Unfruchtbarkeit des Landes gebannt. Eine Geschichte, die zur Hallig passt: Denn das salzige Nordmeer ist die wirtschaftliche Grundlage der Halligbewohner sowohl beim Walfang früherer Zeiten wie auch heute – beim Fischfang wie beim Tourismus.
HALLIG HOOGE SCHRITT FÜR SCHRITT
Sie wollen gern mehr erfahren von Dr. Renée Oetting-Jessel? Mehr Hooge- Details? Geschichten aus dem Alltag einer Halligbewohnerin? Wissenswertes über die Historie ihrer Heimat? Die Geologin und zertifizierte Gästeführerin, die außerdem auch Nationalpark-Partnerin ist, bietet für Hooge-Besucher, die mit der Adler-Express von Sylt (Abfahrt 12.00 Uhr) oder Amrum (Abfahrt 12.45 Uhr) aus anreisen, unter dem Titel »Hallig Hooge – Schritt für Schritt« einen unterhaltsamen Spaziergang an, bei dem sie unterwegs nicht nur fachkundig, sondern auch sehr persönlich erzählt. Tickets (4,50 €) dafür erhalten Sie an Bord der Adler-Express während der Anreise. Dr. Renée Oetting-Jessel ist von Mai bis Oktober freitags mit Schiffsgästen unterwegs und im Juli und August zusätzlich mittwochs, Dauer der Führung: 75 Minuten.
DAS KLEINE HALLIG-WÖRTERBUCH Sprechen Sie Hallig? Können Sie Hooge? In der Region gibts einige Vokabelspezialitäten, die man lernen (oder über die man lächlen) kann: + + + Schietwetterholer = Südostwind, der bringt meist ein Tief + + + Moin = ganztägig (auch nachts) einzusetzender Gruß + + + Schwächelfolie = Doggie Bag, also Reste, die man sich im Gasthaus einpacken lässt + + + Kontinent = Festland + + + Erstmol = Tschüss. Man sieht sich sowieso noch mal wieder heute.