ANREISE MIT KARTOFFELN, NASENSPRAY und KÄSE

Open-Air-Büro im Schnee: Die zweite Ausgabe des Hallig-Boten entstand in diesem Frühjahr unter besonderen Bedingungen.

 

Hallig im Sommer? Das kann ja jeder. Wer Herausforderungen sucht, fährt im Winter nach Hooge. Was zunächst mal damit beginnt, dass man gar nicht fährt. Stattdessen kurvt man vielmehr tagelang mit einer Mischung aus Euphorie (ah, Plusgrade in Sicht) und Entsetzen (verdammt, doch wieder unter Null) auf Internetseiten mit Wetterprognosen herum und trainiert Flexibilität. Eisschollen türmten sich laaange vor der Westküste zu bizarren Formationen, als der Winter beschlossen hatte, ganze drei Monate Nordsee durchzubuchen. Ein cooler Langzeiturlauber, der ewig nicht hier war und rücksichtslos Aufmerksamkeit forderte. Tagelang und immer wieder fuhr keine Fähre mehr, kein Versorgungsschiff. Vereinzelte Wintergäste blieben länger, als sie sollten, und wurden mit viel »Verspätung«, einem maritimen Kraftakt und dem Seenotrettungskreuzer zurück in den Alltag spediert. Bürgermeister Volker Mommsen, Gröde, wanderte mit zwei Freunden, sechs Stunden hin und zurück, tollkühn übers zugefrorene Watt zum Festland. Man musste doch einfach mal nach der Post gucken und selbige rüberholen, könnte ja was Dringendes dabei sein. War ein netter Ausflug, tolle Abwechslung.

Je länger sich die Anreise verzögerte, desto schwerer wurden unsere Koffer. Längst wussten anscheinend alle Hooger, verbreitet durch das merkwürdige Hallig-Nachrichtensystem, das auf Fernglas, Telefon und Unergründlichem fußt, dass wir kommen wollten. Ob wir Biokartoffeln mitbringen könnten? Ein Nasenspray für die Nachbarin? Etwas gereiften Käse? Schokolade wäre auch schön, und eine Flasche von dem guten Roten, bitte.

Was machen Halligbewohner im Winter? Sie freuen sich besonders auf rare Besucher. Sie renovieren. Sie räumen auf. Sie versorgen ihre Tiere und wachen Nächte durch, wenn die ersten Lämmer geboren werden, die dann rührend auf zittrigen Beinen durch den Stall staksen. Sie haben Zeit, viel Zeit, sich zu besinnen. Gespräche entspinnen sich jederzeit und überall, werden so rasch tiefgründig wie Priele bei auflaufendem Wasser. Und über allem hängt der Zauber des ganz natürlichen Ausnahmezustands. Tiefgefrorene Zeit vergeht langsamer. Schnee entschleunigt die ohnehin selten hektische Halligwelt weiter. Komm eben rein. Nimmst du auch einen Grog? Bleib doch noch. Los, ich mach euch einen Tee. Nie sah ich die Milchstraße so strahlend, deutlich und nah wie nachts auf mondlichtreflektierenden, vereisten Hallig-Wegen.

Wir kochten mit einer aus dem Nachbarappartement gestohlenen Kaffeemaschine Heißwasser für Wärmflaschen und aßen die Tiefkühltruhen der Hooger leer. Wir zogen täglich alle Klamotten übereinander, die wir für fünf Hoogetage eingepackt hatten. Wir sammelten eiskalt Biike-Holz für das riesige Feuer des friesischen Nationalfeiertags mit ein. Wir bejubelten ein bisschen unverhältnismäßig den neuen Specksteinofen, den unsere fürsorgliche Wirtin Katrin für uns morgens angefeuert hatte. Und als wir wieder abreisten, wurde uns warm ums Herz, bei einem Shopping-Erlebnis der besonderen Art. Nach Tagen der Isolation landete endlich wieder ein Versorgungsschiff an. Beladen mit Bergen von Lebensmitteln, vor allem für den kleinen Kaufmannsladen. Aus dem eisigen Dunkel am Anleger, es fing gerade wieder an zu schneien und zu grieseln, Atemwolken vernebelten die Szenerie, schälten sich nach und nach drei gute Dutzend Hooger. Hallig-Abgewöhn-Wetter? Ach, was! Anpacken. Kette bilden. Gemeinsam abladen. Zackzack, netten Schnack nebenbei. Ist doch selbstverständlich, dass man mithilft. Auf der Hallig immer. In harten Wintern ganz besonders.