AUF DER HALLIG LEBEN, HEISST IM MEER ZU WOHNEN

STANDPUNKT Die Halligen sind ein weltweit einzigartiger, faszinierender Mikrokosmos mitten im Meer. Sie leben mit und von Kontrasten, in deren Spannungsfeld ein ganz eigener Charme entsteht.

Frühmorgens, unmittelbar vor Sonnenaufgang: Blick auf die Hooger Kirchwarft

Freiheit. Endlose Weite der Halligen.Wenn einer kommt, sieht man das schon eine Viertelstunde vorher. Ausriesigen Salzwiesen und schmalen Wegen entsteht die weitläufige Basis auf der die nahe Zukunft stets absehbar bleibt. Hier haben die Menschen viele Ferngläser und manche keinen Fernseher.

Anders begegnet man sich auf den Halligen als anderswo. Direkter, öfter, mehrmals am Tag. Ein starker Kontrast bestimmt den Alltag:die Weite des Horizonts, die Unendlichkeit einerseits und die Enge der bebauten Warften, das konzentrierte Beieinander andererseits.

Die Menschen hier sind Mehrberufler. Auf Hooge ist der Pastor auch Schauspieler, der Touristik-Chef serviert auch im »Seehund« Miesmuscheln, der Landwirt ist Müllmann, Feuerwehrchef und Vermieter, die nette Gastgeberin ist ebenfalls Landwirtin und arbeitet auch als Kutscherin, der Lehrer gibt sonntags den Küster.

Viele Aufgaben stellen sich wenigen Menschen, was ebenfalls ein typischer Halligkontrast ist. Das hält beweglich, auch im Ernstfall, wenn das Meer wild wird und »Landunter« droht. Ein Faszinosum vor allem für Gäste, fast demütig akzeptierte Gesetzmäßigkeit für die Halligbewohner. Wo man sich einzuordnen hat im großen Ganzen, als Mensch, dafür sind sie hier Experten. »Nein, Angst vor dem Meer«, sagt Katrin Brogmusvon der Backenswarft auf Hallig Hooge, »hat man nicht. Aber Respekt.« Wenn nachts der Wind auffrischt, macht nicht nur sie im Halbschlaf den Warftencheck. Was steht noch unten? Was muss ich noch bergen, falls es mehr wird mit dem Wind? Irgendwo in der Grauzone zwischen Erfahrung und Tiefschlaf selektiert dann ein sehr wacher Automatismusrasch zwischen Liegenbleiben und Loslegen.

Im Winter sind die Halligbewohner unter sich. Ab Ostern folgt, im Anschluss an die Frühjahrsstürme, die Besucherflut. Ein weiterer Kontrast. Sieben-Tage-Woche, Einsatz für »die Gäste« bis zur Selbstaufgabe, ein von den Ausflugsschiffen diktierter Lebensrhythmus einerseits, aber auch die Freude über Besucher und Abwechslung andererseits. Gästeführerin Renée Oetting-Jessel weiß, »Hier beruhigt sich das Gemüt. Hektik bringen nur die Leute vom Festland mit«. Das Meer gibt und bringt. Die Fähre. Die Gäste. Den Lebensunterhalt. Die Kinder, die auf dem Festland zur höhren Schule gehen. Nahrung. Post. Das Meer nimmt. Land und Spontanität. Manchmal auch Perspektiven, wenn ein Termin auf dem Festland wiederwegen Hochwassers verschoben werden muss.

Vor allem aber nimmt es die Idee, das Leben könne jemals wirklich kontrollierbar sein. Was wiederum etwas sehr Befreiendes hat.

EIN LANGER ABSCHIED

FINALE Im Herbst 2009 geht eine Hooger Aera zu Ende: Pastor Klaus-Dieter Niedorff  und seine Frau nehmen Kurs auf den Ruhestand und werden die Hallig verlassen.

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Foto: Hans Jessel

Dieser Mann hat Humor: »Bevor die Halligbewohner mir die Arme abstützen müssen beim Segnen,« so Klaus-Dieter Niedorff, »ist es Zeit zu gehen«. Nach elf Jahren auf Hooge und vier Jahrzehnten als Pastor kehrt er im Herbst der Hallig und dem Job, der stets so viel mehr war als Arbeit, den Rücken, geht »in Rente«.

Ein langes Aufwiedersehen. »Ein Jahr dauert es Abschied zu feiern,« sagt Niedorff, »bis man alles zum letzten Mal gemacht hat.« Das letzte Weihnachten, der letzte Ostergottesdienst, die letzten Konfirmanden. Schwer fällt das dem charismatischen Pastor, der selbstkritisch erkennt, »hier auf Hooge wird man verdorben fürs Festland«. Schon heute weiß er, dass es ihm in der neuen Heimat in Börnsen bei Hamburg drängende Frage sein wird, »wo denn bloß der Horizont hin ist. Wenn ich einen Regenbogen sehe, sehe ich ihn auf Hooge immer ganz«, weiß Niedorff, der es stets faszinierend fand, »wie unglaublich viele Menschen diese kleine Kirche erreicht«.

Früh hat er sich um die Neubesetzung dieses Kleinods gesorgt und von der Nordelbischen Kirche zugesagt bekommen, dass die volle Stelle wieder besetzt werden wird. Nie kam es für Niedorff in Frage, auf der Hallig wo er sich so sehr Zuhause fühlt, auch nach der Verrentung zu bleiben. »Das würde es einem Nachfolger oder einer Nachfolgerin einfach viel zu schwer machen«, sagt er rigoros und mit einer gewissen Härte gegen sich selbst, der Weg muss »frei sein« für den Neuen oder die Neue. Als Zwölfjähriger war er zum ersten Mal auf Hooge, jetzt wird er bald gehen, was »wirklich weh tut«. Dann wird alles eingepackt werden. Der schwere Tisch, die Regale, die drei Ferngläser von der Fensterbank. Mit einem Hallig-Vorurteil räumt er fix noch auf, bevor er sich an die Predigt für nächsten Sonntag setzt: »Wir sind hier nicht neugierig, wir wollen nur wissen, was los ist.« Wie hatte Hans-Dieter Niedorff anfangs gesagt? »Wenn man 40 Jahre Pastor ist, kennt man Gott und die Welt«.